Die Kinder im Bett, netflixmüde und den Bauch voll Nudeln und Schokolade, fanden mein Mann und ich uns zuletzt auf der Couch wieder und kamen ins angeregte Plaudern zusammenhängender Sätze. Etwas, das uns tagsüber meist verwehrt bleibt.

Und irgendwie landeten wir beim Thema Humor in der zeitgenössischen Kommunikationskultur. Und damit auch bei ganz einfachen Fragen wie: „Weshalb verstehen denn gefühlt immer weniger Menschen Ironie?“
Oder auch: „Weshalb verzichten viele so augenscheinlich mutlos unter dem Deckmantel von political correctness auf grenzwertigen Humor und damit irgendwie ja auch auf konstruktive Reibung?“

Diese Mutlosigkeit verhindert und blockiert nämlich nur allzu oft etwas für eine Gesellschaft Grundlegendes: eine echte, lebendige Diskussion. Eine lebensechte Auseinandersetzung. Vielleicht sogar eine originelle Lösung.

Gefühlt kommt’s im Social-Media-Space nämlich fast ausschließlich zu zwei Extrembeispielen: Entweder weichgespültes Abnicken von Meinungen – oder eben Hatespeech. Dazwischen: Sendepause.

Aber eine echte Debatte, die ein relevantes Thema auch mal grenzhumoresk aufgreift und dadurch Facetten und Fragestellungen hervorbringt, die weder im Abnicken, noch im Hatespeech zutage treten würden, ist etwas, von dem ich glaube, dass man es eigentlich zulassen sollte.

Die größte Herausforderung ist dabei allerdings, dass einem dies fernab von geistiger Brandstiftung und einem „Auffallen um jeden Preis“ gelingt.
Und das ist in Zeiten des aufkeimenden Populismus leider ein ziemlicher Balance-Akt und setzt sowohl beim Absender als auch beim Empfänger ein Mindestmaß an Kapazität voraus.

Viele von uns, die eine Meinung oder eine Position vertreten, versehen ihre Botschaft oft mit Emojis oder Emoticons. Wahrscheinlich, weil sie davon ausgehen, dass sie Ihr Gegenüber so wenig kennt – oder so wenig Ironie versteht – als dass sie ihre Aussagen noch mit einem extra Satzzeichen erklären müssen. Eigentlich ganz schön respektlos dem Gegenüber gegenüber.
Und ja: Das mache ich oft ganz genau so, denn ich habe meistens keine Böcke darauf, missverstanden zu werden. Wer hat das schon?

Aber ist das gut?

Und je größer der Kreis der Empfänger einer Botschaft ist, desto eher begegnet diese auch Menschen, bei denen man das einfach machen muss, zumindest, wenn man sich zeit- und nervenaufreibendes Missverstandenwerden im Anschluss sparen will. Ich meine: Nirgendwo sonst treffen so viele unterschiedliche intellektuelle, kulturelle, spirituelle und religiöse Horizonte so ungebremst aufeinander wie hier im lieben World Wide Web.

Deswegen gehe auch ich meistens auf Nummer sicher: Das lachende Gesicht mit dem peinlich berührten Tropfen auf der Stirn ist seit Jahren in den Top 10 meiner Emojis – und ich verwende es meistens zusammen mit einem lieb gemeinten Herzchen, wenn ich einen öffentlichen Kommentar beantworte. Nur, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt. Und weil jeder glaubt – mich eingeschlossen – dass das Gegenüber keine Ironie (mehr) versteht.

Aber ist das gut?

Im Grunde genommen baut man sich über diese Mechanik eine Hintertür ein, man spült seine eigene Aussage weich: Ein Smiley ist nichts anderes als ein verkapptes Fragezeichen. Und fast alle setzen eines, weil sie in den meisten Fällen ja gar nicht wissen, mit wem sie es überhaupt zu tun haben.

Dabei wäre es doch eigentlich viel spannender, ohne Hintertür und doppelten Boden interessanten Diskussionen nicht gleich den Riegel vorzuschieben und einen Weg zu finden, der Raum lässt für eine Kommunikationskultur, die genau zwischen herzchenhaftem Abnicken und dem eben erwähnten Hatespeech liegt.

Das allerdings erfordert Mut, Kraftreserven und Stehvermögen, auch den eventuell aufkommenden Gegenwind auszuhalten. Und es erhöht die Chance, etwas falsch zu machen.

Aber: Es entsteht dadurch eben auch eher ein Dialog, der wirklich etwas verändern könnte, beim Perspektivwechsel hilft oder zumindest ein Thema voranbringt.

Um es etwas weniger abstrakt zu zeichnen, hilft vielleicht ein Beispiel. Auch, was die Folgen einer „wagemutigeren“ Kommunikation angeht:

Der Smoothie-Hersteller true fruits stand in den letzten Jahren häufiger massiv in der Kritik, weil sowohl seine Glasflaschen als auch dessen Werbemotive oft polarisierende Aufdrucke oder Headlines trugen.
Bei Wortspielen wie „Pinkepause“, „FrüchtetEuch nicht“ und „… da scheint Dir die Sonne aus dem Glas“ schmunzelte am Kühlregal noch fast jeder.

Aber als bei einem dunklen Smoothie mit Aktivkohle plötzlich zu lesen war „Unser Quotenschwarzer“, „Noch mehr Flaschen aus dem Ausland“ oder „Schafft es selten über die Grenze“, da hörte der Spaß plötzlich auf, und die Empörung hielt Einzug.

Branchenmagazine setzten ein großes Fragezeichen dahinter, und auf Facebook und Instagram liefen die Menschen Sturm: „Rassistische Scheiße!“, „Sexistische Scheiße!“ und „Ihr seid selber Flaschen!“ war noch das Vertretbarste, das ich zum Zitieren gefunden habe.
Noch größer allerdings war die Wut und das Unverständnis über die Erklärung, die true fruits nach diversen Beschwerden beim Werberat eigens dafür veröffentlichte. Darin hieß es:

„(…) dass dies eine Kampagne gegen Fremdenfeindlichkeit war, wäre spätestens dann klar geworden, wenn man (…) sich zum Beispiel das dritte Kampagnenmotiv angesehen hätte: „Bei uns kannst Du kein Braun
wählen“ (denn keine unserer Flaschen sind braun.) Stattdessen werden aber einzelne Motive ohne Sinn und Verstand herauskopiert und mit übertriebener Polemik, Hetze und Beleidigungen uns gegenüber durch die Gegend geschickt.
(…) Wir finden Rassismus genauso zum Kotzen wie alle Formen der Diskriminierung.
(…) Aber ernsthaft zu glauben, dass ein öffentliches Unternehmen unserer Größe daran Interesse haben könnte, rassistische Propaganda zu betreiben, (…) zeugt von wenig Geistesschmalz.
(…) Daher haben wir uns entschieden, zukünftig jegliche Kommunikation, die wir betreiben, zum Schutz einer vermeintlichen Minderheit (den Dummen) mit dem Warnhinweis „Achtung, diese Werbung könnte von dummen Menschen missverstanden werden!“ zu versehen. (…) Namaste, Ihr süßen Pissnelken.“

 

Und ganz im Ernst und ohne Emoji: Ich finde es wunderbar! Weil: Sie haben eben nicht den Schwanz eingezogen (sie hat Schwanz gesagt!), sondern ihre Position und Haltung mit einer in meinen Augen wohltuenden Attitüde und Standhaftigkeit unterstrichen, meinetwegen sogar mit einer Prise Arroganz gewürzt. Für all diejenigen, die die Aussage bewusst oder unbewusst missverstanden haben.

Dieses Beispiel trifft’s auch insofern ganz gut, als dass ich neulich selbst von den Folgen einer solchen Kommunikation betroffen war:

Vor einigen Wochen schrieb ich in einem Parallelstrang unter einem Insta-Posting, ich würde true fruits dafür feiern, dass sie oftmals mit Mut, Sprachwitz und Haltung vorangehen und nicht im weichgespülten Kommunikationsallerlei dahinvegetieren, wie so unfassbar viele andere.

Das goss – zumindest unter besagtem Posting – wieder neues Öl ins Feuer und sorgte dieserorts für Unglaube und Verwirrung. Im Stil von „Echt jetzt, Tessa? Du supportest Fremdenfeindlichkeit und Sexismus? Das hätte ich ja nicht von Dir gedacht!“ trudelten nach und nach einige Direktnachrichten bei mir ein, die mich meinerseits nicht weniger sprachlos zurückließen.

Im Gegensatz zu  true fruits wusste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte mit meiner Erklärung.

Die Smoothie-Leute entschuldigen sich weder für ihre Art von Humor, noch dafür, dass sie offensichtlich missverstanden wurden. Und das ist es, was mein Her mit Freude füllt. Denn genau mit diesem kleinen kommunikativen Paradigmenwechsel beweisen sie – ich kann es nicht oft genug wiederholen – Mut und Haltung. Etwas, das vielen, vielen anderen Marken und Menschen in den letzten Jahren abhandengekommen ist. Oder vielleicht sogar noch nie da war.

Das ist wohl auch ein Hauptgrund dafür, weshalb so viele große BloggerInnen in einer Pampe aus Beliebigkeit und Einheitsbrei zu versinken drohen: Liebeliebeliebe, Glückglückglückglück und ein Ausleben, ohne dabei zu bunt, zu laut, zu lustig oder zu kritisch zu werden.

 

Jedenfalls: Mit diesem Auftreten geht true fruits freilich das Risiko ein, von allen Seiten angefeindet zu werden. Aber sie tun es trotzdem. Und genau das ist der springende Punkt: Haltung. Eine klare Position. Kein opportunes Zurückrudern im Sinne von „War nicht so gemeint…“, denn: War so gemeint!

Und aus der Vogelperspektive wurde mir beim weiteren Darübernachdenken auch klar: Es sind nicht true fruits, die kommunikativ besonders gut oder besonders mutig sind. Es ist die (marken-) kommunikative und gesellschaftliche Situation, die in Watte gepackt vor sich dahinvegetiert.

Und genau um daran etwas zu ändern, selbst wenn es nur ein klitzekleiner Schritt ist, hab’ ich mir vorgenommen, hin und wieder etwas dagegen zu tun. Auch auf die Gefahr hin, dass ich dabei etwas falsch mache.

Zum Schluss also noch eine Bitte: Könnt Ihr mich daran erinnern, falls mein Hirn-Smoothie Gefahr laufen sollte, irgendwann dauerhaft in der weichgespülten Belanglosigkeit zu versickern?

Dankeschön, ihr süßen Pissnelken.