Joggen gehen. Vor zehn Jahren noch hab ichs gehasst. Ich fand Zufußlaufen an sich schon müßig, geschweige denn, dass ich freiwillig hätte um den Block rennen wollen.

Und sicherlich war ich auch ein Stück weit geprägt von meiner Schulzeit: damals, als man sich im Sportunterricht von der Bank aus (9 von 13 Mädchen aus der Klasse hatten schließlich jeden Dienstag ihre Periode) über die anderen lustig machte: „Guck mal, wie Fatimas Arsch wackelt!“, „Iih, und die Jenny schwitzt voll! Habt Ihr den Fleck auf dem Rücken gesehen?“

Läufer waren Loser, daran gab es nichts zu rütteln.

Und ich meine, es sieht ja manchmal auch wirklich komisch aus: die einen machen Schritte, so groß, als dürften sie den Boden nicht berühren und veratmen dabei so etwas Ähnliches wie Wehen. Und wieder andere gehen einfach nur gemächlich spazieren, halten dabei aber die Arme so dicht am Körper, dass sie glauben mögen, die zwei Becher Ben&Jerry’s gestern Abend hätten jetzt keine Gültigkeit mehr.

Die X- oder O- oder XO-Beine verschwinden in seltsam gemusterten Leggings oder ausrangierten Jogginghosen, das Gesicht ist rot und pulsiert, der Pferdeschwanz hängt lose im Nacken und jeder Versuch, gleichmäßig durch die Nase zu atmen, weicht irgendwann einem hyperventilierendem Schnaufen.
Niemand sieht währenddessen so aus wie in einer Nike-Werbung. Wirklich niemand.

Nachdem Minne auf der Welt war, begab ich mich freiwillig auf dieses Terrain. Versuchsweise, denn das erschien mir von allen mir bekannten Sportarten noch die am einfachsten Umzusetzende zu sein. Außerdem kam das Kind so ein bisschen an die frische Luft, ich erhielt eine leichte Bräune und wer hätte schon etwas gegen einen gestrafften After-Baby-Body gehabt?

Und soll ich Euch was sagen? Ich hab wirklich Gefallen daran gefunden.

Nicht nur wegen der körperlichen Erscheinungen, die so ein bisschen Bewegung und Sauerstoff mit sich bringen – sondern noch viel mehr wegen der geistigen: die schönsten Tagträume, die effizientesten Lösungsansätze und die besten Ideen hatte ich beim Joggen.

Und wenn man sich einmal überwunden hat, dann interessiert es wirklich niemanden mehr, wie man dabei aussieht. Weil sowieso jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt oder gerade das geilste Schlagzeugsolo ever vor seinem inneren Auge abläuft.

Der Kopf trommelt und die Beine bewegen sich im Takt. Es ist, als könnte man vor allem, das einem nicht gefällt, davonlaufen.

Und wenn man wieder zuhause ankommt, hat man einen Großteil der Ärgernisse des Alltags abgeschüttelt.

Wahrscheinlich liegen sie da jetzt irgendwo auf dem Weg und werden heute Abend nass geregnet. Aber was macht das schon? Soll ihnen doch jemand anderes Unterschlupf gewähren – während man selbst schon längst wieder in der warmen Wanne liegt und sich gut oder zumindest besser fühlt. Man war eben einfach schneller – egal, wie lange man dafür gebraucht hat. Oder kennt Ihr irgendwen, der es schon mal bereut hätte, losgelaufen zu sein?

Im Grunde genommen ist mir beim Joggen auch noch nie jemand begegnet, der seine schlechte Laune hätte raushängen lassen. Anders als an der Kasse im Supermarkt oder im Aufzug oder im Auto oder innerfamiliär oder…

Trifft man einen anderen Jogger (oder Leidensgenossen, je nach Einstellung), dann lächelt man einander zu und freut sich darüber, dass man nicht die Einzige ist, die heute – trotz welcher Umstände auch immer – den Hintern hochbekam.

Niemand fragt, woher Du kommst, wohin Du gehst oder seit wie langer Zeit Du schon dabei bist. Hauptsache, Du bist es irgendwie.

Es ist, als durchquere man plötzlich eine andere Welt. Es gibt weder Neid noch Mitleid. Es gibt kein Getuschel und es gibt – anders, als im Fitnessstudio – auch keine Vergleiche. Jeder läuft in seinem eigenen Tempo, und jeder sieht dabei irgendwie bescheuert aus. Aber wenn alle gleich bescheuert aussehen, dann ist es doch irgendwie schon wieder gar nicht mehr so bescheuert. Und wenn es nicht bescheuert ist, dann ist es gut.

Zum einen sieht man sich gegenseitig ja ohnehin nur wenige Sekunden. Und zum anderen ist jeder mit sich selbst beschäftigt, hängt seinen eigenen Gedanken oder Problemen nach, oder spielt euphorisch das größte Schlagzeugsolo der Geschichte vor seinem inneren Auge auf einer großen Bühne vor all seinen Freunde – und die Beine laufen zum Takt, irgendwann sogar wie von selbst.

Das einzig Schwierige ist der Anfang. Das „Es sieht aber nach Regen aus“ oder „Eigentlich habe ich noch so viel anderes zu tun“ oder „Jetzt, wo ich heute eh schon acht Pancakes und noch kein bisschen Obst gegessen habe“ – das Rausreden.
Dann das Anziehen, quasi die ernsthafte Absicht, es wirklich zu tun. Jetzt wird es konkret.
Und dann – zu guter Letzt – das Loslaufen. Raus aus der Bude, nicht noch mal schnell whatsappen, instagrammen oder sich im Badezimmer vor dem Spiegel verlieren.

Die ersten Meter sind hart. Nach zehn Minuten setzt ein mittelschweres Seitenstechen ein, passionierte Raucher beginnen mit leichten Japsgeräuschen, ich nehme mich da nicht raus. Aber man muss einfach weiterlaufen, so blöd das klingt. Langsamer vielleicht, aber weiter.

(Fatal wird es nur, wenn man sich mit einer Freundin verabredet hat und zu quatschen beginnt – dann kann man es erfahrungsgemäß wirklich sein lassen und sich gleich auf eine Bank begeben. Ich kann nicht laufen, wenn ich rede, also höre ich Musik. Außerdem macht mich das Geräusch zweier gleichmäßiger aufkommender Füße latent aggressiv.)

Wenn man durchhält, dann werden Männer mit Schweißflecken auf dem T-Shirt plötzlich zu Deinen Verbündeten, und Frauen mit Laufschuhen – und wenn die Oberschenkel dabei auch noch so wackeln – ernten all Deine Sympathie. Und Du ihre.

Sport verbindet und setzt sich über alles hinweg: jede Religion, jede Herkunft, nahezu jedes Alter. Es ist wirklich so. (Obwohl ich niemals-nie eine passionierte Sportlerin war oder sein werde, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass.)

Das Tolle am Joggengehen ist: es gibt keine Verlierer dabei, denn jeder tut, was er kann – und es reicht. Hauptsache, man tut es überhaupt.

Und wenn ich daheim den Schlüssel drehe, außer Atem und mit rot-pulsierendem Gesicht und strähnigen Haaren und klatschnassem Bauch und wer weiß, wie viele Menschen mich so gesehen haben, dann sagt mein Mann zur Begrüßung jedes Mal: „Gut siehst Du aus.“

Und ich weiß: tue ich nicht. Aber ich fühle mich so.